Begünstigt wirtschaftliche Grösse mediale Berichterstattung? Hängt die Medienresonanz mit der wirtschaftlichen Bedeutung einzelner Unternehmen zusammen? Um dieser Frage nachzugehen, hat commsLAB für die DAX-Unternehmen, ihren Unternehmensumsatz aus dem Jahr 2024 mit dem Umfang ihrer reputationsrelevanten Thematisierung in deutschen Leitmedien in der Zeitperiode von 1.1.2024 bis 30.6.2025 kombiniert
Die Daten zur Medienresonanz stammen dabei aus dem von commsLAB seit 2021 betriebenen Grundlagenmonitoring, welches in ausgewählten deutschen Leitmedien laufend die Reputation und die Issues sämtlicher DAX-Unternehmen erfasst und analysiert (DAX Reputation Index). Die dem Monitoring zugrundliegenden Mediendaten werden von Genios bezogen.
Der Rangkorrelationskoeffizient (r = 0,70) zeigt einen starken positiven Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Bedeutung von Unternehmen und ihrer Resonanz in den Medien (siehe Abbildung). In der Tendenz gilt also: Je bedeutender eine Firma für die deutsche Wirtschaft, desto mehr mediale Beachtung erhält sie auch. So zählen z.B. Volkswagen, Mercedes-Benz Group und BMW nicht bloss zu den umsatzstärksten DAX-Konzernen (y-Achse), sondern es handelt sich auch um diejenigen Firmen mit der grössten medialen Beachtung (x-Achse). Am anderen Ende des Spektrums (links unten in der Grafik) finden sich dagegen die kleineren Dax-Unternehmen Qiagen und Symrise, welche entsprechend weniger Beachtung in den deutschen Leitmedien erhalten.
Lesehilfe: Die Darstellung zeigt die Rangierung der DAX-Unternehmen nach Medienresonanz (X-Achse; Periode von 1.1.2024 bis 30.6.2025) und Umsatz (Y-Achse; Umsatzzahlen für 2024). (Quelle Medienresonanz: commsLAB, Genios; Quelle Umsatzzahlen: SIX Group – SIX iD, Geschäftsberichte)
Lesebeispiel: Volkswagen befindet rechts oben in der Grafik; der Konzern war 2024 sowohl das umsatzstärkste DAX-Unternehmen wie auch dasjenige mit der grössen Medienbeachtung. E.ON liegt hingegen links oben, und erhält damit als relativ grosses, umsatzstarkes Unternehmen verhältnismässig wenig mediale Resonanz.
Von Interesse sind aber auch die offensichtlichen «Ausreisser» aus dem beschriebenen Zusammenhang. Zwei Typen lassen sich hierbei unterscheiden:
- Je weiter sich ein Unternehmen gegen rechts unten von der Diagonale (gestrichelte Linie) absetzt, desto mehr ist es medial überrepräsentiert. Dabei handelt es sich tendenziell um Unternehmen, die entweder primär konsumentenorientiert sind und über starke Brands verfügen (z.B. Adidas oder Porsche), oder aber um politisierte bzw. polarisierende Unternehmen wie etwa Rheinmetall.
- Unternehmen, die sich – wie E.ON – weit gegen links oben von der Diagonale absetzen, sind gemessen an ihrem wirtschaftlichen Gewicht deutlich unterrepräsentiert. Diese Unternehmen werden verhältnismässig wenig in der Öffentlichkeit verhandelt und können sich trotz ihrer wirtschaftlichen Bedeutung bis zu einem gewissen Grad der medialen Kontrolle entziehen. Solche «blinden Flecken» werden dann zum gesellschaftlichen Problem, wenn wirtschaftlich hochrelevante Unternehmen und ganze Sektoren in den Medien systematisch unterbelichtet bleiben. Eine vergleichbare Analyse mit Fokus auf die Schweizer Wirtschaft hat beispielsweise gezeigt, dass in den Schweizer Medien vor allem die sehr umsatzstarken Rohstoffunternehmen nicht die Bedeutung erhalten, die ihrem wirtschaftlichen Gewicht eigentlich angemessen wäre (vgl. https://www.foeg.uzh.ch/de/news/2023/Studie-Unternehmensberichterstattung.html).
DAX Reputation Index
Medienresonanz/Mediensample: Die reputationsrelevante Medienresonanz umfasst den Zeitraum von 1.1.2024 bis 30.6.2025. Analysiert wurden folgende deutschen Leitmedien (bezogen von Genios): Berliner Zeitung, Bild, Börsenzeitung, Der Spiegel, Die Welt, Die Zeit, Focus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Spiegel, Süddeutsche Zeitung (alle inkl. Online- und Sonntagsausgaben). Die Daten entstammen einer laufenden, manuellen Inhaltsanalyse von commsLAB. commsLAB betreibt seit 2021 ein kontinuierliches Reputations- und Issuemonitoring zu sämtlichen DAX-Unternehmen (inkl. Zu- und Abgänge).
Umsatz: Die Umsatzzahlen beziehen sich auf das Geschäftsjahr 2024 und wurden von SIX iD (SIX Group) sowie den offiziellen Geschäftsberichten der Unternehmen entnommen.
Ausschlüsse: Die Darstellung umfasst nur 33 der insgesamt 40 DAX-Unternehmen. Ausgeschlossen wurden die Unternehmen aus dem Finanzsektor (namentlich: Allianz, Commerzbank, Deutsche Börse, Deutsche Bank, Hannover Re, Münchner Rück), da der Umsatz von Finanzunternehmen nicht direkt mit demjenigen von realwirtschaftlichen Unternehmen vergleichbar ist. Ebenfalls ausgeschlossen wurde Porsche SE, welche als Beteiligungsgesellschaft fungiert.
Rangierte Darstellung: Es wurden nicht die absoluten Umsätze (y-Achse) bzw. die absolute Thematisierungsstärke abgetragen, sondern die Unternehmen wurden in beiden Dimensionen rangiert.